Emissionen

Eine Auswahl aus meinen Arbeiten abseits der Romane (Kurzgeschichten, Fragmente etc.).

Finks Adventskalender

Ein weihnachtlicher Kurzkrimi

1. Dezember

Jenny steckte in einer dicken Winterjacke und trug bunte Strickhandschuhe an den Händen. Sie fühlte sich wie ein Stück zerbrechliches Geschirr, das man sicherheitshalber in Styroporblöcke eingehüllt hatte. Aber das war besser, als zu frieren. Die Kirchturmuhr schlug gerade viertel vor Vier, als Jenny das Gelände des Weihnachtsmarkts betrat. Es war noch nicht viel Betrieb. Ein paar Leute sahen sich die Stände mit dem Kunsthandwerk an und die ersten Glühweine gingen über die Theken. Vor der Currywurstbude ihrer Mutter würden sicher schon einige hungrige Kunden darauf warten, dass der Stand öffnete. Ihr Ruf, die beste Currywurst der Stadt zu verkaufen, hatte sich weit verbreitet und manche Kunden kamen in der Weihnachtszeit aus dem ganzen Umland, um dort alljährlich einer rituellen Handlung gleich eine Currywurst oder ein Engelsschnitzel zu essen.
Die Bude kam in Sicht. Verwundert stellte Jenny fest, dass nicht nur keine Kunden da waren, sondern auch niemand in der Bude zu sein schien. Sie ging auf die kleine Brettertür an der Seite zu und zog ihren Schlüssel aus der Tasche. Natürlich trat sie wieder in die Pfütze, die sich direkt unter dem Eingang gebildet hatte.
»Igitt!« Sie schüttelte das Wasser von ihrem tropfnassen Schuh und schloss die Tür auf. Warum schneite es nicht endlich? Das wäre auch besser fürs Geschäft. Jenny öffnete die Tür – und blieb verblüfft stehen. Ihre Mutter war tatsächlich nicht da. Aber auch das Vorratsregal mit den Würsten und Schnitzeln, die sie nach eigener Rezeptur herstellen ließen, war gähnend leer.

2. Dezember

Kommissar Alfons Röslinger war schon in einen Ärmel seines altgedienten Wintermantels geschlüpft, als sein Kollege Peter Knauer ihm den Telefonhörer hinhielt.
»Och, nicht im Ernst!«, sagte Röslinger. Es war zwar erst kurz nach vier Uhr, aber da auf dem Revier nicht viel los war, hatte er sich früher in den Feierabend verabschieden wollen. Weihnachtseinkäufe mussten getätigt werden. Knauer hatte immerhin den Anstand, zerknirscht dreinzuschauen.
»Tut mir leid.« In seinem üblichen Jackett und der Anzughose erinnerte er Röslinger für einen Moment an den Concierge eines Luxushotels. Er nahm den Hörer; der Mantel baumelte derweil an seinem Arm herab.
»Röslinger?« Er hörte einen Moment zu. Sein gewaltiger grauer Schnurrbart begann zu beben, immer ein schlechtes Zeichen. »Das meinen Sie doch nicht ernst! Bratwürste?«
Knauer hob interessiert den Blick.
»Und Schnitzel. Aha. Das ändert die Sache natürlich.« Röslinger schnaubte einige Male wie ein auftauchendes Walross, aber es half ihm nicht. Schließlich legte er den Hörer auf und zog seinen Mantel fertig an.
»Sie kommen mit.«
»Wohin?«, fragte ihn Knauer und hob milde interessiert die Augenbrauen. »Was ist passiert?«
»Glauben Sie mir eh nicht. Auf dem Weihnachtsmarkt hat jemand im großen Stil Bratwürste geklaut. Und Schnitzel.« Röslinger schüttelte den Kopf, dass sein Schnurrbart nur so schlackerte.
»Das ist mal etwas neues«, sagte Knauer und nahm Hut und Mantel vom Haken.

3. Dezember

»Ich heiße Mareike Brenner, aber alle nennen mich nur Mutter Bratwurst. Und das da ist meine Jenny.« Die Frau, die ihrem deftigen Namen zum Trotz ein rosafarbenes Schürzenensemble trug, deutete auf eine Frau mit Pferdeschwanz, die in den Zwanzigern zu sein schien. Beide machten einen durchweg sympathischen Eindruck auf Kommissar Röslinger, aber er war nicht in der Stimmung, nett zu sein. Die Weihnachtseinkäufe warteten.
»Okay, Frau Brat… – Frau Brenner, meine ich. Was ist da jetzt genau passiert?«
Das Gesicht der rundlichen Frau war für Fröhlichkeit gemacht, aber jetzt strahlte es rosige Empörung aus. »Ich bin um drei Uhr zum Stand gekommen, wie immer. Wollte den Grill anheizen, alles vorbereiten und so. Um vier kommt immer die Jenny, dann machen wir auf. Bis um sechs, dann kommt Verstärkung. Der Andrang wird dann zu groß für uns zwei.«
Röslinger räusperte sich ungeduldig, aber Knauer machte sich seelenruhig mit einem schlanken, silbernen Stift und einem heiter–aufmerksamen Gesichtsausdruck Notizen.
»Na, und wie ich so die Tür aufschließe und in die Bude gehe seh ich doch, dass die Würste alle weg sind! Die ganze Kühlung leer! Auch keine Schnitzel mehr da! Das ganze teure Fleisch!«
»Von welcher Menge reden wir da?«, fragte Röslinger dazwischen.
»So vierzig, fünfzig Kilo waren das bestimmt.«
»Das trägt man nicht mal eben so weg«, warf Knauer ein.
»War die Tür aufgebrochen?«, fragte Röslinger.
»Nein, war sie nicht. Aber wir vermissen auch seit letzter Woche einen Schlüssel«, gab Frau Brenner widerwillig zu.
»Also Fahrlässigkeit«, sagte Röslinger schroff und ließ die beiden stehen, um sich die Kühlschränke anzusehen. Hinterrücks durchbohrten ihn empörte Blicke von Mutter und Tochter.

4. Dezember

Der Student, der um diese Zeit immer den Kunsthandwerksstand nebenan betreute, hatte schon die ganze Zeit über neugierig zu Jenny, ihrer Mutter und den Polizisten herüber geschaut. Jenny wusste von ihm nur, dass er Stefan hieß und seit Eröffnung des Weihnachtsmarkts versuchte, sich mit ihr zu unterhalten. Jetzt, da die Polizisten aufgebrochen waren, um die anderen Standbetreiber zu befragen, kam er herüber. Jennys Mutter telefonierte hinter dem Stand mit ihrem Lieferanten.
»Hey«, sagte Stefan und wirkte ein wenig schüchtern dabei. Er hatte einen kastanienbraunen Strickpulli an und trug einen gigantischen Schal um den Hals. »Was ist denn los bei euch?«
Jenny war nicht nach Smalltalk zumute, aber sie brachte es auch nicht übers Herz, schroff zu dem Studenten zu sein. Sie berichtete, was passiert war.
»Ach du Schreck. Aber das ist schon ein bisschen irre, oder? Ich mein, Bratwürste? Wer klaute denn Fleisch?«
»Ja, keine Ahnung. Militante Veganer?«
Stefan lachte etwas mehr über Jennys Witz, als der es verdient gehabt hätte. »Oder jemand mit viel Hunger auf Fleisch.«
»Junger Mann?« Eine Frau mit einem hohen Pelzhut stand vor der Auslage des Kunsthandwerksstands, aber Stefan schien sie nicht zu bemerken.
»Wann ist das Zeug denn geklaut worden?«, fragte er Jenny stattdessen.
»Ich weiß nicht. Irgendwann, nachdem wir gestern zugemacht haben. Wieso, hast du was bemerkt?«
Stefan antwortete nicht gleich. »Nein, nur – als ich den Stand geschlossen habe, hat der Weihnachtsmann eine Weile an der Tür zu eurer Bude gestanden.« Stefan zögerte wieder. »Ich fand das komisch, weil, der hat seinen Stand doch auf der anderen Seite vom Markt.«
»Der Weihnachtsmann?« Jenny blickte in die Richtung, in der sein Stand lag. »Seltsam.«
»Passt es Ihnen später besser?«, fragte die Frau mit dem Pelzhut pikiert. »Dann komme ich selbstverständlich noch einmal wieder.«
Stefan verschwand an seinen Stand.

5. Dezember

»Nö, ich hab nichts gemerkt. Meine Kartoffeln hab ich auch noch alle beisammen«, sagte der Verkäufer am Stand Perfect Potato, der neben der Currywurstbude von Mutter Bratwurst lag. Dem Lächeln auf Knauers Gesicht zufolge amüsierte er sich ebenso über die Formulierung wie Röslinger selbst.
»Da können Sie ja froh sein«, sagte er. Der Wirt hantierte weiter arglos mit einem Pfannenwender und drehte eine ganze Reihe goldgelber Kartoffelpuffer. Fett spritzte und zischte. »Und einer ihrer Mitarbeiter? Hat von denen vielleicht jemand etwas gesehen?«
»Weiß ich nicht«, sagte der Verkäufer und sah dabei nicht von seinen Bratlingen auf.
Röslinger atmete einmal tief durch. Sein Schnurrbart bebte schon wieder unheilverkündend. »Wäre es möglich, sie danach zu fragen?«
»Sicher. Warten Sie mal, gestern … Hey Freddy!«, brüllte er plötzlich, woraufhin ein sehr großer, sehr schmaler Mann hinter dem Wagen hervorkam. »Hast du gestern was gesehen?«
»Geht’s ein bisschen genauer, Chef?«, fragte der Mitarbeiter und Röslinger war kurz davor, die Nerven zu verlieren. Knauer schien das zu spüren und wandte sich mit Engelsgeduld an den Mann, erklärte ihm den Sachverhalt und stellte seine Frage, alles mit einem milden Lächeln auf den Lippen.
»Nee, sorry. War aber auch viel los gestern. Ja doch, Moment. Der Lieferant kam. Zweimal. Sonst hab ich nichts gemerkt.«
Röslinger nickte knapp und er wandte sich ab, bevor er die Geduld vollends verlieren konnte. Ermittlungen auf dem Weihnachtsmarkt. Wegen Wurstdiebstahl. Er glaubte es selbst nicht.

6. Dezember

»Bei mir wurde nichts gestohlen«, sagte der Gewürzhändler. »Nur der übliche Schwund.« Der Mann stand nicht einmal von seinem Klappstuhl auf. Mit überkreuzten Armen saß er wie ein winterlicher Buddha inmitten der reichhaltigen Düfte seiner Waren.
»Üblicher Schwund?«, fragte Röslinger. »Was meinen Sie damit?« Der Mann war ihm sympathisch. Vielleicht, weil er ebenfalls einen eindrucksvollen Bart trug.
»Man kann die Auslage nicht immer im Blick behalten, wissen Sie. Wenn hier so richtig viel los ist, schieben sich die Leute massenhaft vorbei. Da fällt schon mal was runter, da greift schonmal jemand zu. Aber das sind Einzelfälle. Das kalkuliere ich von Anfang an mit ein.« Er beugte sich minimal vor. »Bei der Wurstbude, sagen Sie? Kann ich mir nicht erklären. Viel zu schwer, das Zeug. Vielleicht war es die Konkurrenz. Haben Sie es schon bei der Almhütte versucht? Denen traue ich alles zu.«
Röslinger gab sich leutselig. »Wieso, was ist mit denen von der Almhütte?«
»Die sitzen auf dem hohen Ross. Halten sich für was Besseres. Almhütte, Schifahrer, Geld, Hochnäsigkeit. Das ist meine Argumentationskette.«
»Für mich klingt es eher nach einer Assoziationskette«, erwiderte Knauer und lächelte sanft. »Damit können wir bei der Polizei leider nicht gut arbeiten.«
Der Gewürzhändler zuckte die massigen Schultern. »Sie haben mich nach meiner Meinung gefragt. Das ist sie. Machen Sie damit, was Sie wollen.« Und damit war das Gespräch beendet.

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